gepard14
Schützenstrasse 14
CH-3097 Liebefeld

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  Front_1.jpg


 

 

 

Véronique Zussau

46°55'51.50"N  7°25'20.47"E

 

Das soziale Leben kehrt langsamzurück und es ist wieder möglich,sich in kleinen Gruppen zu treffen. Es ist mir eine große Freude Dich einzuladen, und mit Dir die Arbeit anzusehen, die ich in den letzten zwei Monaten im gepard14 realisiert habe.

Ich freue mich darauf, Dich beidieser Gelegenheit wiederzusehen.

Herzlichst Véronique

 

Donnerstag    4. Juni     16:00-18:00
Freitag       5. Juni     16:00-18:00
Samstag       6. Juni     14:00-17:00
Sonntag       7. Juni     11:00-18:00

www.gepard14.ch
Schützenstrasse 14
3097 Liebefeld

 

....und ich habe mich vor der großen Fensterfront in diesem leeren Projektraum wiedergefunden, ohne eine genaue Projektidee zu haben.

Der einzige Ausgangspunkt war das Material, mit dem ich seit drei Jahren arbeite:

Standardbaustoffe, Naturelemente und verschiedene Varianten von Verbindungssystemen.

Ich brauchte greifbares, unmöglich eine entwurzelte Arbeit zu schaffen.

Das Isoliermaterial an der Decke des Ausstellungsraums zeigte sich schnell als idealer Arbeitspartner.

Die Arbeit wird sich zwischen den beiden untrennbaren Ebenen, dem Boden und der Decke, einfügen: Es wird eine instabil hängende Stellungnahme.

Auszug aus dem Arbeitstagebuch

 

Véronique Zussau
46°55’51.50“N  7°25’20.47“E , 2020
 
Die in Paris geborene Künstlerin Véronique Zussau (*1962) durchlief von 1980 bis 1985 ein Studium an der école supérieure des arts visuels in Genf. Ausgezeichnet wurde sie mit zahlreichen Stipendien. Neben einer regen Ausstellungstätigkeit doziert sie an der Schule für Gestaltung Bern-Biel und weiteren Schweizer Kunstschulen. Véronique Zussau lebt und arbeitet in Bern.
 
Seit geraumer Zeit fühlt sich Véronique Zussau ausserstande, in ihrer Form endgültige Arbeiten zu erschaffen. Aufgrund von Fragen über die Fragilität unserer Umwelt, die wachsende Veränderlichkeit und Instabilität, unsere Kultur und die damit verbundene Art der Weltaneignung sowie ökologische Aspekte entspricht es ihr viel mehr, improvisierend mit unterschiedlichsten Elementen aus der Natur, der Technik und der Konsumwelt auf den jeweiligen Ausstellungskontext zu reagieren. Ortsspezifisch spielt die Künstlerin mit verschiedenen Teilen – stets mit bereits vorhandenem Material – und verbindet diese mit metallenen Laborgeräten, sogenannten Doppelmuffen. Véronique Zussaus Auseinandersetzung im gepard14 während einer zweimonatigen Residenz ist eine Weiterentwicklung der Präsentation im Singisen Forum in Muri (AG) im Rahmen der Ausstellung Paarlauf – Freiämter Kunststafette 2019. Im Vergleich zu letzterer wirkt das aktuelle Werk noch prekärer. Die Künstlerin handelt stets ein temporäres Gleichgewicht aus, in dem jedes Glied abhängig von seiner fragilen Beziehung zu den anderen ist. Véronique Zussau betont, dass ihre Arbeiten in ihrer Temporalität als provisorische Antwort gelesen werden können.
 
Juni 2020
Ein Dialog
 
Stille. Zwei Individuen im Ausstellungsraum gepard14.
Ein Räuspern.
 
Im Raum sind mehrere Äste und feine Metallgerüste verteilt. Letztere erstrecken sich teilweise über die ganze Raumhöhe und sind zwischen Boden und Decke gespannt. Ein defekter Fussball findet als Puffer seinen Einsatz. Waagrechte Stangen dienen der Platzierung von Glasplatten, -kugeln und Befestigung von Loten. Zwischen einer Wand und einer dünnen Glasscheibe ist ein mit Wasser gefüllter durchsichtiger Plastiksack geklemmt.
 
Vladimir : “Man getraut sich fast nicht, sich zu bewegen, oder zu atmen, nicht?”
Estragon : “Ja, seltsam, dieses Vakuum, das ich spüre. Die fragile Installation spiegelt die jetzige Situation mit ihrer grossen Unsicherheit wieder, oder? Die Aussenwelt scheint Entsprechung im Ausstellungsraum zu finden und wird sinnbildlich auf den Kopf gestellt. Der Boden verliert seine Beständigkeit und wird unter meinen Füssen weggezogen.”
 
Vladimir: “Definitiv. Eine ‘unsichtbare’ Gefahr, die die Fragilität unseres Daseins, des Konstruktes 'Menschheit’ entblösst.”
Estragon: “Der Raum als Sinnbild der Welt im Allgemeinen, schön. Zusätzlich erfährt die Arbeit durch die aktuelle Bedrohung eine zusätzliche Dringlichkeit.”
 
Vladimir: “Hier zeigt es sich im ‘Kleinen’, wie sich das Gefilde, das ‘Grosse’ nach und nach aufbaut und verändert. Un ‘paysage hybride’ (‘hybride Landschaft’).”
Estragon: “Wie eine Evolution von Mensch, Natur und Technik.”
 
Vladimir: “Und, dass wir nie stillstehen. Ein Schritt führt zum nächsten. Immer komplexer wird das Gefüge.”
Estragon: “Unser Tun findet kein Ende. Das Leben, das ist konstant. Im poetischen Minimalismus dieser Installation rückt auch das Memento Mori in den Vordergrund: Unser Dasein ist von flüchtigem Charakter .
 
Einen Moment später.

Vladimir: “Kürzlich habe ich «Du mode d’existence des objets techniques» von Simondon* gelesen. Seine Überlegungen zum kulturellen Charakter der Technik und ganzheitliche Sicht der Welt scheinen bei dieser Arbeit tatsächlich erkennbar.”

Estragon: “Der französische Philosoph? Ja, es ist erstaunlich, wie es Denker und Kunstschaffende vermögen, eine andere, eben ganzheitliche Perspektive einzunehmen und diese auf ihre jeweilige Art zu kommunizieren.”
 
Vladimir: “Wohl wahr, und uns die Freiheit und Möglichkeit geben, eigene Gedanken und Ansichten zu entwickeln.”
Estragon: “Definitiv. Wir werden in diesem Sinne sensibilisiert.”
 
Kurze Stille
 
Estragon: “Gibt es denn einen Ausweg? Ich meine, es erscheint doch eher aussichtslos, wenn ich Véronique Zussaus Arbeit und unsere Lebensweise betrachte.”
Vladimir: “Ich denke, genau darum geht es hier, sich zu fragen: Und jetzt? Wo ist mein Platz in diesem Konstrukt? Wo eröffnen sich ‘Zwischenräume’, Möglichkeiten? Die eigentliche Frage (so auch der Künstlerin):‘La question du comment vivre ensemble relié au tout, est devenue la question primordiale pour notre survie.’
 
Estragon: “Verbindungen?”
Wladimir: “Ja, Verbindungen, Netzwerke, die Neues offenbaren, neue Ansichten und Gedankengänge.”

Estragon: “Gedankengut für auf den Heimweg. In diesem Sinne, Adieu.”

Beide nicken sich freundlich zu.

Vladimir: “Auf Widersehen."
 
Abgang

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* Gilbert Simondon (1924–1989), «Du mode d’existence des objets techniques» (1958)

Anni Katrin Elmer (*1980, Zürich, Tbilisi): Studium der Fotografie an der Zürcher Hochschule der Künste und Masterstudiengang in kontemporärer Fotografie; Praxis und Philosophie an der Universität Central Saint Martin in London. Freischaffende Künstlerin und Fotografin im In- und Ausland. Tätig in kollaborativer Praxis, unter anderem Mitglied und Mitbegründerin des Künsterkollektivs ‘Now You Have Authority’.


www.annikatrinelmer.com
www.nyhacollective.com
@annikatrinelmer

Karoliina Elmer (*1978, Zürich): Studium der Kunstgeschichte, Pädagogik und Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Mitarbeit an diversen Ausstellungs- und Publikationsprojekten im Kunstmuseum Luzern, Aargauer Kunsthaus und Museum Caspar Wolf, Muri. Seit 2019 als Projektleiterin bei der Stadt Zürich, Kunst im öffentlichen Raum tätig.