Kathrin Racz

Auf dem Heimweg

 

Vernissage Freitag 27. Januar 2023 18Uhr

Einleitung durch Marc Munter, Kunsthistoriker

 

Öffnungszeiten

SA 28. und SO 29. Januar 2023 15-18Uhr

 

Bildergalerie

 

 

Heimweg

Eine subjektive, visuelle Bestandesaufnahme in der unmittelbaren Umgebung meines Wohnortes.
 

«You can find inspiration in everything” Paul Smith, Designer


Seit beinahe zwanzig Jahren führt mich mein Arbeitsweg durchs Liebefeld, ein Quartier der Gemeinde Köniz.
Die unzähligen baulichen Veränderungen, die im Quartier in den letzten zwanzig Jahren stattfanden, sind augenfällig, eine rege Bautätigkeit herrscht, es wird verdichtet gebaut.
Für meine Arbeit im Gepard habe ich mich von den Worten von Paul Smith inspirieren lassen und mir die Aufgabe gestellt, das Gebiet, in dem sich das gepard14, wie auch mein
eigenes Atelier befinden und dem ich bislang wenig Beachtung geschenkt habe, genauer unter die Lupe zu nehmen. So streife ich seit einiger Zeit durch Strassen und Wege, durchquere den Liebefeldpark, laufe durch den Steinhölzliwald, folge dem Saum des Könizbergwaldes und inspiziere Häuser, Plätze und Strassen. Dabei richtet sich mein Fokus auf kleine unscheinbare Dinge, die mir auffallen und die ich mit meinem Handy fotografiere.
Mein Wandern zeigt mir auf den ersten Blick Unspektakuläres. Einen Vorort, urbanes Leben halt, wie man es vermutlich überall in der Schweiz antrifft. Kein charmantes oder
auffälliges Zentrum, dafür eine verkehrsreiche Hauptstrasse und angenehme Nebenstrassen mit grossen Gärten zwischen den einzelnen Gebäuden.
Dank meinem beobachtenden Fokus entdecke ich jetzt Häuser «mit Frisuren», Schleichwege, spannende Treppen, einen Garten mit integriertem Bach, unzählige Bauprofile, wunderbare
Farbkombinationen an in die Jahre gekommenen Häusern, absonderliche Pflanzen, spezielle gestaltete Balkone, langweilige und spannende Gärten und überall Wipfelgirlanden. Erstmals begehe ich die Strasse, die den Namen «Heimweg» trägt. Was für ein sinniger Name in einem Quartier, das Heimat von ungefähr 7000 Menschen ist. Wenn ich jeweils im gepard14 ankomme, schreibe ich einen kurzen Text über meinen letzten Streifzug, inspiziere meine Fotos und entscheide, welche ich weiterbearbeiten und ausdrucken möchte. Anschliessend mache mich ans Zeichnen. Dabei lasse ich mich ganz auf den Prozess des subjektiven, zeichnerischen Dokumentierens ein und versuche, wenig zu werten, was dabei entsteht.

Ende Januar stelle ich meine ganze dokumentarische Arbeit vom 27. bis 29. Januar 2023 im gepard14 vor.
Anleitung zum genauen Schauen ist mein erklärtes Ziel für diese Arbeit. Ich wünsche mir, dass es gelingt, mit meiner Arbeit Besucherinnen und Besucher auch für ihren eigenen
Wohnort zu sensibilisieren.

Bern, 23. Dezember 2022
Kathrin Racz

 

Kathrin Racz
Auf dem Heimweg

Ein Haus an einer Strasse, deren Beschilderung auf die Könizstrasse schliessen lässt, ein weiteres Haus, davor eine Garage, beide mit geschwungenen Giebeldächern, so genannten Spitztonnendächern; eine Tamoil-Tankstelle, es ist jene an der Schwarzenburgstrasse im Liebefeld; eine schmale Steiltreppe, flankiert von einem Handlauf links und einem geweisselten Holzzaun rechts; eine Grossbaustelle; weiter Wimpelgirlanden, beim Brock & Art an der Stationsstrasse, im Garten eines Wohnhauses oder dann quer über eine verschneite Strasse; eine Rutschbahn in scheinbar wilder Vegetation, links davon wieder ein Gebäude im Bau oder Umbau und schliesslich, halb versteckt hinter Büschen und Bauzäunen, das Schild «Heimweg», welches derAusstellung den Titel gab.
Den aufgezählten Motiven auf den Fotografien von Kathrin Racz (*1956) sind wir, wenn vielleicht nicht hier, so doch anderswo, schon oft begegnet. Ebenso vertraut ist uns der Heimweg, auch wenn es weltweit nur deren vier mit der Bezeichnung gibt, alle in der Schweiz. Doch gerade das vermeintlich Gewohnte und Vertraute respektive das unvertraut Vertraute gab der Künstlerin den Anstoss zu ihrem Projekt. Mehrmals hinzuschauen, genau zu beobachten und mit verschiedenen Sinnen wahrzunehmen, zu erkennen, was uns auf dem Arbeits- und Nachhauseweg oder beim Spaziergang begegnet und die Sensibilisierung dafür zu schärfen, ist zugleich Thema und Anliegen der Künstlerin. Die Entdeckung des «Heimwegs» ging ebenso daraus hervor und erwies sich als glückliche Fügung für das Vorhaben, zumal sie den Weg vorher gar nicht kannte. Vielleicht: nicht bewusst wahrgenommen hat.
Wohnhaft im Spiegel, führt der Weg von Kathrin Racz zu ihrem Atelier in den Vidmarhallen seit bald 20 Jahren stetsdurchs Liebefeld und auch beim oder in der Nähe des gepard14 vorbei. Anlass genug, sich dem Weg, den sie immer mal ein wenig anders geht, ausgiebiger und genauer zu widmen, beobachtend und dokumentierend wie auch künstlerisch. So entstanden neben zahlreichen Fotografien von unterwegs – ausgestellt ist lediglich eine kleine
Auswahl – eine grössere Anzahl Zeichnungen und Objekte. Daneben hielt sie bei der Ankunft im Atelier ihre Beo bachtungen und Überlegungen häufig in Texten fest und führte vor Ort, bei geöffnetem Fenster, zu Beginn des  Projekts ein Geräuschprotokoll der Laute und Klänge, der leisen und lauteren Töne in der Umgebung. Sie ging also einen quasi mehrstimmigen, einen vielsinnigen Weg hin zu den künstlerischen Arbeiten. Ausserdem traf sie eine dezidierte Motivwahl: So tauchen bei den bearbeiteten Holzobjekten an der Wand in abstrahierter Form ebenfalls Treppen und Zäune, ein Garagentor sowie die geschwungen gescheitelten Hausgiebel auf, welche die Künstlerin an menschliche Frisuren erinnern. Zusammen mit der Fassade, den Fenstern und Türen ergibt sich daraus immer ein Gesicht, ein Antlitz, das so logisch wie komisch – eben ungewohnt gewohnt – erscheint und zu fantasieren wie zu (nach)denken gibt. Unter den Objekten sind auch gewächsartige, zeichenhafte Formen, die den Flicken einer renovierten Mauer nahe beim Zuhause der Künstlerin nachempfunden, inzwischen aber verschwunden sind. Insofern sind die Arbeiten in der Ausstellung ebenfalls Zeugnisse einer bestimmten Zeit, bestimmter Erscheinungen und Ereignisse. Auf der Ansichtsseite sind die Holzobjekte mit hellen Farben bemalt und mit Graphit überarbeitet; seitlich sind sie hellgrün gestrichen – in Anspielung auf das Moos, das in der Umgebung vielerorts ansetzt und gedeiht.
Den Motiven gemein ist die Kulturlandschaft, mit Eingriffen und Einrichtungen in der Umgebung. Diese sind nicht zuletzt der regen Bautätigkeit im Quartier geschuldet. In der relativ dicht besiedelten Agglomeration – das Liebefeld zählt rund 6‘100 Einwohner:innen, die Gemeinde Köniz gar über 42‘000 – gibt es kaum mehr ein ungenutzes, brach liegendes Stück Land. Ein Umstand, der in den Beobachtungen, den Anschauungen und Arbeiten der Künstlerin ebenfalls zum Ausdruck kommt.
Die Verdichtung hinterlässt schliesslich Spuren der Abnutzung und notwendiger Renovierungen, wie im Fall der erwähnten Mauer oder etwa auf stark belasteten Strassen. Mittels Schwarzweisskopien fügte die Künstlerin ein Geflecht von Reparaturlinien auf Asphaltstrassen zusammen. In der freien Anordnung ergeben sie ein ebenso fragiles wie poetisches und gar frisches Bild, das an ein Graffiti erinnern mag, zumal am Schluss noch eine Signatur auftaucht.

Von Innen nach Aussen, auf die Strasse und in die Gärten im Quartier lassen sich die Wimpelgirlanden an der Decke weiterdenken. Die Künstlerin bemalte sie entsprechend der verwitterten Farben ihrer Vorlagen mit Wachs und hängte sie in lockerer Anordnung quer sowie übereinander in den Raum, wodurch sie gleichsam festlich feierlich wirken.
Dahinter, auf den beiden grossformatigen Zeichnungen, sind weitere Wimpel-Ketten auszumachen. Auch sie stehen für die zunehmende Umgebungsgestaltung, umso mehr, als dass sie in Wohnquartieren häufig und im Liebefeld besonders oft anzutreffen sind. Wie die Girlanden selbst, liegen die Gründe dafür wohl in der Luft, ob nur der Verschönerung oder weiterer Bewandtnis wegen. Kathrin Racz zeichnete die beiden Grossformate zwar unabhängig voneinander, ging dabei aber ähnlich vor: Sie trug verdünnte und unverdünnte schwarze Tusche in grosszügigen, teilweise expressiven Gesten aufs Papier und bediente sich wiederum ihres Motiv-Repertoires: Neben den Wimpeln fügte sie Kräne, Treppen, Zäune, Bäume und auch «Frisuren» beziehungsweise Giebeldächer zu einem Panorama des Heimwegs. Ähnlich intuitiv und von verinnerlichten Bildern geleitet, bemalte sie das Leporello am Boden. Die Idee für die kugelförmig zerknüllten Papiere flog ihr dagegen spontan zu: beim letzten Schneefall, als Kinder unermüdlich Schneebälle ans Fenster warfen.
Der Arbeitstisch fügt sich in die Werkstatt-Atmosphäre, wie sie die Künstlerin die letzte Zeit hier erlebte. Ebenso ihr Entscheid, die Werke ungerahmt und eher frei, assoziativ zu präsentieren. Daher rührt auch die dichte Anordnung der Zeichnungen kleineren Formats an der Rückwand. Neben den wiederauftretenden Motiven beschäftigte sich Kathrin Racz mit den Farbstimmungen in der Umgebung und setzte diese als streifenförmige und flächige Bilder sowie als Kompositionen abstrakter Formen um.
Der Gruppe vonZeichnungen mittleren Formats rechts daneben, liegt ein mehrstufiger Arbeitsprozess zugrunde. Ursprünglich waren es lineare Tuschzeichnungen, die die Künstlerin für das Projekt nun mit weisser Gesso-Farbe übermalte. Die Oberflächen hat sie leicht abgeschliffen, so dass die schwarzen Zeichnungen durchschimmern. Darauf gestaltete sie mit farbiger Pastellkreide die eigentlichen Sujets: Einmal, in Vierecke gefasst, eine Farbstimmung; weiter Zäune und Wimpel oder die kreisrund geschnittenen Buchsbäume eines Gartens in der Nachbarschaft. Weiter überlagerte sie die Bilder stellenweise mit Transparentpapieren, auf denen sie mit Graphitstift noch einmal Bekanntes wie Wimpel und Zäune aufgriff, häufig aber in der Art eines Rapports, eines Musters. Diesen sind weniger die Strenge der Wiederholung als mehr die Reduktion und Eigenwilligkeit der Zeichnung eingeschrieben. Sie mögen uns beim Besuch der Ausstellung und beim Nachdenken darüber weiterführen, auf den Wegen der Künstlerin wie auf eigenen Wegen und Umwegen.

Marc Munter, Kunsthistoriker, Bern